Die ehemalige Dompropstei gilt als das schönste Fachwerkhaus Hildesheims aus dem 18. Jahrhundert. Heute beherbergt das Haus die Freimaurerloge „Pforte zum Tempel des Lichts".


Das zwischen 1534 und 1540 errichtete Wohn- und Repräsentationsgebäude des Dompropstes Graf Otto von Schaumburg hatte bereits bis zum Erwerb durch die Freimaurerloge 1804 eine wechselvolle Geschichte hinter sich. 1633 versank es bei der Belagerung durch die kaiserlichen Truppen unter Pappenheim infolge Artilleriebeschuß im Flammenmeer. Die für die Dienerschaft errichteten Tor- und Stallungsgebäude an der Keßlerstraße gingen aus dem Brand jedoch unbeschädigt hervor.


Das Propsteigebäude wurde erst nach dem Kriege 1663 auf den alten Grundmauern, weit prächtiger, wieder aufgebaut. Obwohl schon baugeschichtlich dem Barock zuzuordnen, ist das Konstruktionssystem dem alten, gotischen, ähnlich geblieben. Die Knaggen sind jedoch verschwunden und die Auskragungen geringer. Das Zwischengeschoß ist nicht vorhanden. Auf geschnitzte Füllbretter wurde ebenfalls verzichtet. Das Fachwerk ist auf einem Sandsteinsockel aufgesetzt. Die Fassade wurde durch ein „neues" Stilelement, — sich mehrfach überschneidende Andreaskreuze —, aufgewertet. Geblieben ist das gute Proportionsverhältnis zwischen dem Unterbau und dem mit Pfannen gedeckten Dach.


Durch die Säkularisation wurde das Grundstück an den Kaufmann Krüper verkauft, der es wiederum an den Grafen von Wedel, dem damaligen Meister vom Stuhl der Loge „Zum stillen Tempel", weiterveräußerte.Die ursprünglich dreibündige Hausanlage mit einem ca. 6 m breiten großzügigen, zweiläufigen Treppenhaus hatte am West- und Ostgiebel jeweils einen Barocksaal (von denen nur noch der östliche in der alten Form und Fassung erhalten ist). Über den Saalbauten befanden sich im Obergeschoß die Repräsentations- und Wohnräume des Dompropstes. Mit dem Erwerb des Hauses durch die Freimaurerloge vollzog sich durch ständige Umbauten ein völliger Wandel im Inneren des Hauses

Zwischen 1805 und 1806 erfolgte ein Umbau für „68 Aktien zu 25 Taler in Gold", der von der großzügigen inneren Konzeption des Hauses lediglich den auf der östlichen Seite befindlichen Barocksaal übrigließ. Die vormals zweischwüngige Treppenanlage wurde so abgeändert, daß nur der linke Treppenlauf zum Obergeschoß erhalten blieb, und die ursprüngliche, von der Wallseite ins Obergeschoß führende Treppe nunmehr von der Hofseite begehbar ist.

Die vom Stadtarchitekten A. C. Gothe entwickelten drei Treppenhausvarianten sind mit einer Variante im beigefügten Schnitt in ehemaliger Konstruktion und Laufrichtung dargestellt.
Der am Westgiebel gelegene Barocksaal wurde durch das Einziehen einer Zwischendecke aufgelöst, um für den Kastellan Wohnraum zu schaffen. Die Einweihung des neuen Tempelraumes fand am 5. Oktober 1805 statt. Die ausreichende Höhe im Erdgeschoß konnte nur dadurch sichergestellt werden, daß am linken Treppenlauf zusätzlich vier Differenzstufen eingebaut wurden. Trotzdem ist innerhalb der Wohnung des Kastellans zwischen den wallseitig und den hofseitig gelegenen Räumen noch ein Höhenunterschied von 22 cm vorhanden.
Das Haus in der Keßlerstraße wurde nicht nur von der Loge „Zum stillen Tempel" genutzt, sondern auch von der Loge „Pforte zum Tempel des Lichts", nachdem deren Unterkunft in dem Haus der „Reuterschen Weinhandlung" abgebrannt war.

Durch die stärkere Nutzung der Räume vereinbarten beide Logen 1822, an der Westseite einen etwa 100 qm großen Anbau in der gesamten Höhe des Hauses aufzuführen.

Bereits 1861 fanden wiederum innerhalb des Hauses Umbauarbeiten statt. Die hofseitig gelegenen Räume im Obergeschoß wurden durch den Abbruch der Zwischenwände zu einem großen Saal vereinigt. Nach den, nur in Fragmenten vorliegenden zeichnerischen Unterlagen, wurde auch zu diesem Zeitpunkt ein innerer Zugang zu dem großen Gewölbekeller des Hauses hergestellt. Dieser Gewölbekeller hatte als einziger Gebäudeteil den großen Brand von 1633 überstanden.

1922 wurden im Zwischengeschoß eine Damengarderobe mit WC-Anlage und Herrenumkleideräume geschaffen. Die im Jahre 1936 erfolgte Übernahme des gesamten Grundstückes durch den NS-Luftschutzbund zog keine baulichen Veränderungen nach sich. Das heute unter Denkmalschutz stehende Gebäude wurde 1947 der Loge zurückgegeben.

Obwohl die Loge ihre Archivalien vom Geheimen Preußischen Staatsarchiv zurückerhielt, befinden sich dort ebensowenig wie im Niedersächsischen Staatsarchiv in Pattensen, Bestands- oder Umbaupläne. Weder das Stadtarchiv noch das Bauaufsichtsamt Hildesheim verfügen über Pläne innerer Umbauten. Ebensowenig waren im Diözesan-Archiv oder im Museum Pläne über den vorhandenen Gebäudebestand zu erhalten.
Das Bauaufsichtsamt der Stadt Hildesheim verfügt lediglich über einige, aus dem Jahr 1922 datierte Umbaupläne des Zwischengeschosses. Die letzten Umbauarbeiten fanden 1995/96 statt.

Die Zusammenfassung der Bauarbeiten im Logengebäude war nur aus den wenigen Aufzeichnungen des Stadtarchitekten A. C. Gothe und des Malermeisters August Stein möglich. Sie vermögen nicht die Baugeschichte des Hauses erschöpfend zu dokumentieren. Offene Fragen sind zur Zeit noch: Wie erreichte man den Gewölbekeller vor 1861 vom Hof aus, und wo befand sich in den Repräsentationsräumen des Dompropstes der Aufgang zum Dachboden? Daß der Bodenraum genutzt wurde, beweist noch die vorhandene Seilrolle.